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10. Solinger Scheidwarensamstag am 01.09.2018

4. September 2018

Fünf Traditionsbetriebe gewährten am vergangenen Samstag, von 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr, Einblicke in ihre Fertigungen anlässlich des Solinger-Schneidwaren-Samstag.

Dieses Jahr feierte man sogar 10-jähriges Jubiläum.

 

Solingen gilt als die Schneidwaren-Herstellerstadt der Bundesrepublik. Über alle Grenzen hinweg werden die Schneidwaren (Messer, Scheren usw.) aufgrund ihrer Qualität geschätzt.

Aus der Geschichte:

Schneidwaren ist herkömmlich eine Bezeichnung für „schneidende Werkzeuge und Geräte aller Art“, die sich besonders für Scheren, Messer und Klingen und vergleichbare Erzeugnisse der Kleineisenindustrie eingebürgert hat.

Zum Schutz des Markennamens „Solingen“ erließ übrigens die deutsche Reichsregierung 1938 ein Gesetz, für dessen Anwendung seither in mehreren Durchführungsverordnungen auch die Bedeutung der Bezeichnung Schneidwaren definiert wurde. Kein Wunder, denn die Herstellung von Schneidwaren erfolgte über die Jahrhunderte in mittelständischen Betrieben, die in Deutschland – besonders im Solinger Raum – konzentriert waren.

Damit ist Solingen das Zentrum der deutschen Schneidwarenindustrie. Insbesondere bei der Herstellung von Klingen sind Unternehmen aus Solingen weltweit führend. Etwa 90 Prozent der deutschen Schneidwaren- und Besteckbranche sind in Solingen ansässig. Solingen ist damit ist die erste Stadt weltweit, die auf diese Weise ihren Namen und ihre Produkte schützt. Seit März 2012 führt Solingen den offiziellen Zusatz Klingenstadt.

Denn der Name der bergischen Stadt verrät in der ganzen Welt: hier steckt Qualität, Know-How und „Made in Germany“ ohne Tricks und Abschalte-Vorrichtungen drin.

Allgemeines:

Um das aber genauer zu verstehen und zu sehen, luden fünf Unternehmen aus der Solinger-Schneidwaren-Szene zum Tag der offenen Tür ein, zum sogenannten Solinger-Schneidwaren-Samstag am 01. September 2018.

Dabei bieten die teilnehmenden Unternehmen ihren Besuchern die Möglichkeit, in authentischer Atmosphäre zu erleben, wie Messer, Scheren, Bestecke sowie Maniküre- und Pediküre-Instrumente gefertigt werden.

Unwissend, was mich erwartete, liess ich mich auf einen fotografischen Abstecher bei Firma Robert Herder Windmühlenmesser ein. Es reizte mich, dass bei Herder besonders viel Wert auf Handwerk und Tradition gelegt wird. Zudem bildet der Betrieb seit einigen Jahren wieder aus und sorgt dafür, dass traditionelle Solinger Fertigungstechniken und alte Lehrberufe wie Schleifer, Pließter, Reider und Ausmacher vor dem Aussterben bewahrt werden.

Neben den modernen High-Tech Anlagen zeigte Herder Windmühlenmesser das  traditionelle Handwerk.

Genau darum ging es mir. Wie werden diese Schneidwaren produziert? Wieviel traditionelles Handwerk und Geschick steckt in den Produkten? Lässt sich das fotografisch in Detailaufnahmen zeigen?

Eins Vorweg: ich war überwältigt! Denn in wenigen Sekunden nach Betreten der Werkräume fühlte ich mich in das 16. Jahrhundert versetzt. Das Ambiente ist einzigartig. Und mehr noch: werden doch die Waren in alter Tradition an Schleifvorrichtungen, absolut handgemacht, hergestellt. Kleinste Nischen in den Fertigungshallen sind dafür geschaffen, Hilfs- und Arbeitsmittel sowie Verbrauchsgüter zu lagern. Mittendrin auch ein Fertigungsbereich der Schleiferei. Überall häuft sich der Metallstaub zu großen Resthaufen unter den Schleifmaschinen. Es ist sehr laut, aber die Mitarbeiter verlieren kaum ein Wort über die teilweise sehr anstrengenden körperlichen Arbeiten. Die Antriebe der Schleifmittelplätze sind wahnsinnig laut. Das Metall, vorher eingeschmiert mit öliger Paste, ist dabei der kleinste Anteil der Lautstärke. Die meisten Mitarbeiter tragen, nicht ohne Grund, Stöpsel in den Ohren. Nicht aber, um Musik zu hören, sondern um die Lautstärke einen ganzen Tag zu ertragen. Dazu sind Transistor-Radios überall verstreut und mit dickem Metallstaub überzogen. Die Arbeitsplätze sind minimalistisch. Die Arbeitshilfsmittel sind zweckdienlich und einfach funktionell.

Was mir auffällt: es gibt keine PCs an den Arbeitsplätzen; alles wird von Hand geschrieben. Was soll ich sagen: es geht wohl auch ohne Digitalisierung der Arbeitsplätze.

Aber noch etwas: alle Mitarbeiter des Unternehmens Herder sind gut gelaunt und erklären gut verständlich die Arbeitsschritte und deren Besonderheit. Manches klingt fachmännisch, ist aber gut zu verstehen. Ich habe den Eindruck, als wären die Mitarbeiter stolz darauf, Teil dieser Produktion zu sein!

Über zwei Etagen erstreckt sich die Produktion der Messer. Bei den vielen Arbeitsschritten und der vielen Händen, die ein Werkstück bearbeiten, kann das Produkt nicht den Ramschpreisen von wenigen Cents entsprechen, wie es teilweise in den Supermarktketten angeboten wird. Aber genau das will dieser Tag der offenen Tür bewirken. Es sollte jedem bewußt sein, dass die Wertigkeit der handgefertigten Produkte  nicht mit Massenproduktionen vergleichen kann. Jedenfalls werde ich beim nächsten Kauf eines Messers auf das Qualitätsgütesiegel „Solingen“ achten.

Ich war und bin richtig froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und von Anfang bis Ende den Werdegang eines Werkstückes gesehen zu haben. Ich bin der Meinung, dass diese Tradition und die mit Stolz erfüllten Mitarbeiter noch viele Jahre dem Verbraucher durch Tage der offenen Tür gezeigt werden sollten und ihm bewußt machen, dass gute und hochwertige Ware „Made in Solingen“ ihren Preis hat.

In aller Begeisterung hätte ich fast meine Detailaufnahmen vergessen:

  • 2 comments
  • Foto-Paletti 6. September 2018
    Reply

    Hallo Andreas,
    so ein Einblick in ein Handwerk ist immer bereichernd und macht uns die vielen Arbeitsschritte bewusst, die erforderlich sind, um etwas entstehen zu lassen. Ich habe vor kurzem mal eine Reportage eines Sattlers gesehen bei der Entstehung eines Pferdesattels. Da fragt man sich schon, wie man diese monatelange Handarbeit überhaupt bezahlen kann…
    Viele Grüße
    Nora

    • Andreas 6. September 2018
      Reply

      Das ist wohl wahr. Grundsätzlich haben wir den Blick für’s qualitativ Hochwertige verloren und glauben, was die Werbung uns suggeriert “Geiz ist geil”.

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